Februar 02, 2020 5 min. Lesezeit

“Ist nicht die Kindheit der verborgene Keim, aus welchem nach und nach der reiche Baum des Lebens mit allen seinen Leiden und Freuden sich auseinanderschlägt?“

Johann Peter Hebel (1760 – 1826)

Mal ganz ehrlich: sehnst Du dich nicht auch manchmal nach den Tagen deiner Kindheit?

 Ach, wie leicht war das Leben doch damals, als man noch völlig unbeschwert zur Schule gehen, die freien Nachmittage mit seinen Freunden verbringen und auf dem Bolzplatz herumtollen durfte. So unendlich viele magische Momente – das nach Hause kommen nach der Schule, die Vorfreude auf die Bescherung an Heiligabend, die letzten Tage vor den Sommerferien, das Kribbeln vor dem Sprung vom 3-Meter-Turm – haben uns verzaubert. So voller Leichtigkeit und Energie, so sorglos waren wir…

Heute kommen einem manche Erinnerungen fast wie Träume vor. Viele schöne Augenblicke sind schon ganz verblasst und fast vergessen, zugedeckt von den Pflichten und Ängsten des Erwachsenseins und von auf Post-It's notierten To-do-Listen, die wohl oder übel ihren Tribut – und ihren Platz auf unserer mentalen Festplatte – einfordern. 

Aber sag mal: Woran denkst Du, wenn du von einer besonders schönen Kindheitserinnerung erzählen müsstest? Daran, wie Du zum ersten Mal ohne Stützräder Fahrrad gefahren bist? Wie du damals die Playstation unter dem Weihnachtsbaum gefunden hast? An den ersten Italien-Urlaub mit Freunden? Den aufregenden Ausflug ins Disneyland? Den ersten Kuss?

Was unsere Kindheit so besonders gemacht hat, ist sicher ganz individuell. Wir haben als Kinder gelacht und geweint, vieles gelernt, Fehler gemacht, uns die Knie aufgeschürft, uns schmutzig gemacht, Ärger von Mama gekriegt und uns doch so geborgen gefühlt. Dann, irgendwann, man kann es gar nicht so genau sagen, waren wir plötzlich zu alt für den Kindersitz in Papis Auto, oder die Extra-Scheibe Wurst im Supermarkt oder den Lolly nach dem Zahnarztbesuch. Wann genau sind wir dieser Welt entwachsen, in der alles möglich schien und sich unser Stresslevel noch in Grenzen hielt?

Adulting? Nicht zu empfehlen!

Im heutigen Sprachgebrauch hat sich in letzter Zeit ein Begriff eingebürgert, der vielen wohl komisch vorkommt, doch gut zum Thema passt. Das „Adulting“ beschreibt das „Sich-wie-ein-Erwachsener-benehmen“ in Abgrenzung zum lustigen, lockeren, manchmal albernen "Kind-sein". Kinder haben sich noch nicht im Griff – sie sind mühelos authentisch. Eine besondere Eigenschaft, die manchem mit der Zeit abhanden kommt. Oft wird der Begriff des „Adulting“ in Memes verwendet, wo er ironisch benutzt wird, um das betont ernsthafte Verhalten (und Gerede) von Erwachsenen sarkastisch zu kommentieren.

Für uns interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Begriff des „Adulting“ das „Sich-erwachsen-verhalten“ quasi als Option begreift. Jeder Erwachsene hätte demnach also die Wahl, ob er sich seinem inneren Kind hingeben, spielerisch und leichtfüßig leben oder im Gegenteil, den „Ernst des Lebens“ verkörpern will. Selbstverständlich kommt mit dem Alter auch die Pflicht, sich reif zu verhalten, Rechnungen zu zahlen, Pflichten zu erfüllen. Die Frage ist bloß, wie geht man damit um? Lassen wir raum für Humor und Albernheiten? Das innere Kind, so scheint es, lebt in uns fort, auch wenn uns der Alltag, der Beruf, die oftmals schwierigen Lebensumstände dies oftmals vergessen lassen.

Wer im Leben bestehen, "Jemand sein", den Stress im Büro bewältigen oder die Partnerschaft erhalten will, muss dauernd strampeln, sich anstrengen, ernsthaft bleiben. Das denken viele. (Aus offensichtlichen Gründen) Die eigene Kindlichkeit wird dabei oft als Unreife, als Infantilität, zumindest als störend empfunden. Doch wer das innere Kind – auf die Hensel & Gretel’sche Art – im Wald aussetzt, der verliert einen wichtigen Bestandteil seiner Persönlichkeit.

Das Kind in uns will spielen, neues lernen, neugierig bleiben, sich geborgen fühlen. Und das innere Kind will Kind sein dürfen – und uns damit jung halten. Wer diesen Bedürfnissen entsagt und verhärtet, der mag sich schon bald in eine Art Grinch oder den archetypischen Captain Hook verwandeln – bemitleidenswerte Wesen, denen der Zauber des täglichen Lebens mehr und mehr abgeht. Da ist die Depression oft nicht weit...

Why so serious?

Nehmt diese Zeilen also gerne als Erinnerung daran, dass das Leben auch so ernst genug sein kann und vieles mit Humor und einer Prise Kindlichkeit besser zu ertragen ist. Wer dem inneren Kind Raum zum Toben gibt, der schützt sich nämlich davor, mental zu früh zu versteinern. Ob dieser Prozess bei euch schon eingesetzt hat? Ich habe mich kürzlich dabei erwischt, wie ich über allzu wild herumtollende Kinder in der U-Bahn die Nase rümpfte. Fast wäre mir ein „Also diese Jugend von heute…“ herausgerutscht. Gott sei Dank habe ich mich gerade noch gefangen…

Auch die Art und Weise wie heutige „Erwachsene“ mit den vermeintlich verwöhnten 90s-Kids umspringen, ist längst zu beliebtem Meme-Material geworden. Sagt ein Erwachsener heute zum Beispiel Sachen wie „Die Blagen von heute wissen doch gar nicht mehr, wie gut sie es haben. Wir musste damals Hausaufgaben machen ohne Smartphone, ohne Wikipedia, so!“, dann bekommt er nur ein süffisantes „Ok, Boomer!“ zurück. Eine Replik, die sich auf das nervige „Adulting“ der „Boomer-Generation“ bezieht, die – selbst in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs und Friedens großgeworden – nun ihre Nachkommen darüber informiert, wie „schwer“ sie es hatte, während sie gleichzeitig für die Herausforderungen und Nöte der Generationen Y und Z kein Verständnis aufbringt.

Gut ist es in jedem Fall, sich ab und zu daran zu erinnern, dass bei uns meistens auf hohem Niveau gejammert wird. Wer eine glückliche Kindheit hatte, darf sich freuen, denn die ist sprichwörtlich unbezahlbar. Unsere Persönlichkeit, unser Charakter, unsere späteren Beziehungen, Freundschaften, Karrierechancen – alles hängt direkt mit dieser frühen Phase der Sozialisation zusammen. Und je schöner die Kindheit war, je stabiler die Familie, je besser die Erziehung, je leuchtender die Vorbilder, umso wahrscheinlicher wird man den eigenen Kindern eine glückliche Kindheit ermöglichen können.

Endlich Zuhause

Was wäre aber, wenn du nicht so viel Glück gehabt hast und wenn Dir diese glückliche Kindheit verwehrt geblieben wäre? Was, wenn du als Kind in deiner Familie keine Geborgenheit erfahren hättest? Weil es auch solche Fälle immer wieder gibt (und nicht zu knapp), hat die Benita-Quadflieg-Stiftung ein Projekt ins Leben gerufen, das Kindern aus zerrütteten Elternhäusern ein neues Leben in einer harmonischen Familienstruktur ermöglicht. Die Stiftung setzt sich dafür ein, dass auch diese Kinder aufgrund von Erziehung durch Beziehung Bausteine in ihrer kindlichen Entwicklung erleben, an die sie sich später gerne erinnern.

Im „Kinderhaus Mignon“ wird Kindern ein Aufwachsen in einer normalen Familie und eine Kindheit mit Liebe und Geborgenheit ermöglicht, die sie bei ihren leiblichen Eltern nicht bekommen konnten. EMERALD BERLIN möchte dabei helfen, dieses Projekt bekannt zu machen und Unterstützer zu finden. Dazu wurde in Zusammenarbeit mit der Benita-Quadflieg-Stiftung auch eine Statement-Kollektion entwickelt, mit der Ihr eure Unterstützung für das Projekt zeigen und auf die Straße tragen könnt. Wir freuen uns über jeden, der diese wichtige Arbeit unterstützt und danken Euch von Herzen!

Der Autor dieses Blog-Artikels ist Marc Dassen. Du möchtest Ihm eine Rückmeldung geben oder hast eine Frage? Schreibe Ihm gerne via marc@emerald-berlin.com.


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