Juni 21, 2020 6 min. Lesezeit

EMERALD BERLIN macht nachhaltige Mode und verknüpft sie mit internationalen Wohltätigkeitsprojekten – so weit, so klar. Doch was ist Nachhaltigkeit eigentlich genau, worauf kommt es an, und woran erkennen wir nachhaltige und faire Mode? Darum geht es in diesem Beitrag.

Nachhaltigkeit – was ist das eigentlich?

Der Begriff ist schon etwa dreihundert Jahre alt und kommt ursprünglich aus der Waldwirtschaft: Es sollten nur so viele Bäume des Waldes gefällt werden, wie sich innerhalb einer bestimmten Zeit auf natürlich Art und Weise regenerieren können. Eine einfache Regel, doch damit war gewährleistet, dass das regenerative System Wald erhalten blieb und funktionierte.

Nachhaltig leben: eine intakte Erde für unsere Nachfahren

Heute verstehen wir unter dem Begriff Nachhaltigkeit zwar grundsätzlich das Gleiche, doch in einem viel breiteren Sinne: Es ist ein Prinzip des Wirtschaftens, mit dem die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden können, das zugleich aber die Lebensgrundlagen künftiger Generationen erhält. Eine einheitlich verwendete Definition gibt es nicht, meist beinhaltet das Prinzip heute aber die folgenden drei Dimensionen: Ökologie, Wirtschaft und Soziales. Außerdem berücksichtigt es eine zeitliche Dimension, den Blick in die Zukunft nämlich, in der auch unsere Kinder, Enkel und alle folgenden Generationen noch eine intakte, lebenswerte Erde vorfinden werden. Unsere heutigen Handlungen haben einen Einfluss auf die Zukunft, im positiven wie im negativen Sinne – auch das steckt im Prinzip Nachhaltigkeit. Zugleich beinhaltet es auch ein Verständnis von Gerechtigkeit zwischen den Generationen.

17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung

Die Vereinten Nationen haben in der Agenda 2030 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung formuliert (Sustainable Development Goals, SDGs). Sie gelten für alle Staaten und sind Ausdruck der Überzeugung, dass sich die weltweiten Probleme nur gemeinsam lösen lassen. Die 17 SDGs umfassen die drei Dimensionen von Nachhaltigkeit und bedingen sich gegenseitig. Fünf Prinzipien stehen voran: Mensch, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaft. Unter diesen Leitlinien muss sich der Wandel zu einer Wirtschafts- und Lebensweise vollziehen, die die natürlichen Ressourcen des Planeten nicht ausbeutet, sondern für uns und alle Nachkommen respektiert.

Nachhaltiger Konsum, nachhaltige Produktion

Im Ziel 12, auch SDG 12 genannt, geht es um Konsum und Produktionsbedingungen – und damit auch um die Textilindustrie, eine der wichtigsten Konsumgüterbranchen. Dieser Bereich verursacht jährlich mehr als 850 Millionen Tonnen CO2-Emissionen – durch die Herstellung, den Transport und den Gebrauch – Waschen, Trocknen und Bügeln – von Kleidung. Das ist viel zu viel.

Um die Größenordnung zu verstehen, folgen ein paar Zahlen: Die CO2-Emission pro Person betrug im Jahr 2017 in Deutschland 8,7 Tonnen (beim Spitzenreiter Katar 30,36 Tonnen, in Indien 1,61 Tonnen). Um die Klima-Ziele zur Begrenzung des weltweiten Temperaturanstiegs zu erreichen, müssten diese Werte drastisch sinken – auf zwei Tonnen, noch besser auf eine Tonne pro Kopf und Jahr. Jeder Mensch – weltweit – sollte also nicht mehr als 1.000 Kilogramm Treibhausgase verursachen, bezogen auf sämtliche Bereiche: Verkehr, Ernährung und sonstiger Konsum, Bekleidung.

Zum Vergleich hier ein paar Beispiele mit den jeweils anfallenden Treibhausgasen:

  • Langstreckenflug Düsseldorf – Sydney und zurück: etwa 5.000 kg
  • Inlandsflug Berlin – München und zurück: etwa 250 kg
  • Ein Kilogramm Rindfleisch, tiefgekühlt: etwa 13 kg
  • Produktion einer Jeans: etwa 15 kg
  • Produktion eines T-Shirts: etwa 5 kg

Umweltbewusst leben

Um das zu erreichen, müssen wir unsere Konsumgewohnheiten ziemlich drastisch ändern. Nachhaltiger Tourismus und Ernährung sind Ansatzpunkte, wie die Beispiele zeigen. Aber auch in der Textilindustrie kann viel verbessert werden, indem Produktionstechniken und -bedingungen umgestellt werden. Anders gesagt: Wir müssen einen neuen Umgang mit Kleidung als Konsumgut finden, aber auch die Produktion grundlegend anders gestalten. Dazu brauchen wir Regeln für den Umweltschutz, aber auch im Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Gar nicht so einfach, denn die Textilbranche agiert auf einem stark globalisierten Markt. Etwa neun von zehn Kleidungsstücken, die in Deutschland in den Läden landen, sind importiert, zum Beispiel aus China oder Bangladesch. Löhne und Lohnnebenkosten sind hier so gering, dass die Kleidung zu einem viel niedrigeren Preis produziert werden kann, als das mit Arbeitskräften aus anderen Ländern der Fall wäre.

Fair-Trade-Kleidung: gegen ungerechte Arbeitsbedingungen

Bei fairer Kleidung liegt der Fokus auf den Arbeitsbedingungen der Menschen, die entlang der Produktionskette an der Entstehung eines Kleidungsstücks beteiligt sind, insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern. Konkret sind das Menschen im Baumwollanbau und bei der Ernte, in Textilfabriken beim Färben oder anderer chemischer Ausrüstung, Näherinnen und Näher, Packerinnen und Packer, Beschäftigte im Transport und anderen Bereichen. In vielen Ländern gibt es keine gerechte Bezahlung, dafür ausbeuterische Arbeitszeiten, mangelnden Gesundheitsschutz und unzureichende Sicherheitsstandards. Die Menschen sind giftigen Stoffen ausgesetzt, bekommen keine oder nur mangelhafte Schutzausrüstung, dürfen sich nicht in Gewerkschaften organisieren – und ihre Löhne reichen trotzdem kaum zum Überleben. Im Kampf gegen diese Ungerechtigkeit wurden Fairtrade-Standards formuliert, die Bauern, Inhaber von Baumwollplantagen und alle andere Unternehmen entlang der so genannten Wertschöpfungskette einhalten müssen. Diese transparenten Standards umfassen neben sozialen auch ökologische und ökonomische Kriterien.

Das Sumangali-Prinzip

Dass sich hier dringend etwas ändern muss, zeigt das Beispiel des so genannten Sumangali-Prinzips aus Indien. Übersetzt bedeutet Sumangali „glückliche Braut“. In Indien sind die Mitgiften für viele arme Familien zu hoch. Deshalb schicken sie ihre Töchter oft sehr jung zum Arbeiten in die Fabriken der Textilindustrie, besonders in die Garnspinnereien. Die Frauen werden direkt in den Fabriken angestellt und in Baracken untergebracht, oft außerhalb ihres Wohnorts oder sogar ihres Heimatlandes. Die Verträge laufen meist über mindestens fünf Jahre. Die Fabrikbesitzer behalten einen Teil des Lohns – manchmal sogar den kompletten Lohn – ein. Ausgezahlt wird er erst nach dem Ende der Vertragslaufzeit, also nach vollen fünf Jahren. Frauen, die sich verletzen, schwanger werden oder den Vertrag aus anderen Gründen nicht erfüllen, erhalten nichts. Und damit wird das Prinzip mit dem schönen Namen nichts anderes als moderne Sklaverei.

Nachhaltige Kleidung – gut für Umwelt und soziale Nachhaltigkeit

Labels, die explizit nachhaltige Kleidung anbieten, setzen insbesondere darauf, dass die verarbeiteten Materialien nachwachsend sind und ohne viel Chemie und meistens mit einem vergleichsweise geringen Wasserverbrauch verarbeitet werden – dazu unten noch mehr. Faire Kleidung und nachhaltige Kleidung sind also nicht dasselbe, wenn es auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit gibt, dass faire Mode zugleich auch nachhaltig hergestellt wurde und umgekehrt. Einfach deshalb, weil sich die Prinzipien bis zu einem gewissen Grad bedingen.  

Noch mehr Fakten über Öko-Mode

Auf die Faser kommt’s an: Erdöl vermeiden

Nachhaltige Mode kann per Definition nicht aus Polyester, Polyamid und anderen Kunstfasern sein – denn diese werden aus dem fossilen Rohstoff Erdöl gewonnen. Etwa 0,8 Prozent des jährlich geförderten Erdöls wird als Rohstoff für Kunstfasern verbraucht. Zusätzlich wird Erdöl für den Einsatz der Maschinen in der Produktion und beim Transport gebraucht.

Alternative Materialien

Nachhaltige Kleidung ist oft aus Bio-Baumwolle. Beim Anbau wird auf den Einsatz von Pestiziden, schädlichen Farben und anderen Chemikalien verzichtet. Allerdings stammt bislang weltweit nur etwa ein Prozent der Baumwollproduktion aus ökologischem Landbau. Der macht aber bereits etwa zwei Prozent der weltweiten Anbaufläche aus. Es wäre deshalb unmöglich, bei gleichbleibender Produktionsmenge komplett auf Bio-Baumwolle umzustellen, denn die Anbauflächen würden viel zu viel Platz in Anspruch nehmen – Land, das dann etwa beim Anbau von Lebensmitteln fehlt. Alternativen sind andere schnell nachwachsende Fasern wie Leinen oder Hanf oder tatsächlich recycelte Kunstfasern – ein Verfahren, das derzeit noch schwierig ist. Auch bei Viskose und neueren Materialien wie Lyocell lohnt es, genauer hinzuschauen. So ist Viskose zwar grundsätzlich aus Holz, ist aber trotzdem eine Derivatfaser, weil sie chemisch so verändert wird, dass sie zu einem Faden gesponnen werden kann. Dazu ist viel Chemie notwendig. Lyocell ist eine Art überarbeitete Variante von Viskose mit tollen Eigenschaften. Es wirkt zum Beispiel antibakteriell – doch auch hier kommt bei der Faserumwandlung viel Chemie zum Einsatz.

Öko-Kleidung und Wasserverbrauch

Zu den hohen Treibhausgasemissionen der Textilindustrie kommen weitere Probleme: der Einsatz von Chemikalien und der Wasserverbrauch. Gerade die so genannte Textilveredelung, also die Behandlung, Färbung und der Druck, ist sehr wasserintensiv. Auf jedes Kilogramm produzierter Kleidung kommt etwa ein Kilogramm Chemikalien, und für das Färben und Behandeln werden pro Kilo Kleidung etwa 60 Liter Wasser verwendet. Bis zu einem Fünftel des weltweit anfallenden Industrieabwassers kommt aus der Textilindustrie. Besonders viel Wasser brauchen Baumwolltextilien – schon beim Anbau nämlich. Hier werden im konventionellen Baumwollanbau zudem Pestizide und Dünger eingesetzt, die im Boden versickern. Sie vergiften Gewässer, zerstören die Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort – wirken also sowohl für die Umwelt zerstörerisch als auch in sozialer Hinsicht. Ein doppelter Grund, hier genau hinzuschauen und wasserschonend produzierte Kleidung zu kaufen.  

Nachhaltige Unternehmen unterstützen, bewusster einkaufen

Es gibt noch einen weiteren Ansatz, und der beginnt in unseren Köpfen: unser eigenes Umdenken in Bezug auf das, was wir anziehen, und das Tempo, mit dem wir neue Kleidung konsumieren. Jedes Jahr werden etwa 80 Milliarden Kleidungsstücke produziert, im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke kauft jeder und jede Deutsche im Jahr. Viele Teile werden dabei nur einmal, höchstens zweimal getragen und danach aussortiert. Fast Fashion ist das Stichwort. Mit unserem Konsumverhalten haben wir aber einen ziemlich großen Hebel – wir müssen nur aktiv werden. So geht’s:

  • bewusster Konsum: nachhaltige und fair produzierte, hochwertige Kleidung kaufen. Schaut auf die Siegel, informiert euch über Labels.
  • Kleidung mehr schätzen: pfleglich damit umgehen, reparieren statt wegwerfen, Qualität erkennen.
  • Secondhand-Mode tragen: Gebrauchtes kaufen oder tauschen, an Freunde weitergeben.

Und du kannst noch viel mehr tun! Weitere Tipps zu deinem ganz persönlichen Nachhaltigkeitsmanagement im Alltag findest du hier.

 Die Autorin dieses Blog-Artikels ist Katharina Frier-Obad. Du möchtest ihr eine Rückmeldung geben oder hast eine Frage? Schreibe ihr gern hier einen Kommentar.


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