September 20, 2019 5 min. Lesezeit

Der heutige Text handelt von einer Podiumsdiskussion zum Thema Sklaverei in der Supply Chain der Regionalgruppe Münster von International Justice Mission (IJM), die als größte Organisation weltweit gegen Sklaverei kämpft. Geschrieben hat den Artikel Lina für euch. Eine der Initiatorinnen des Abends. Danke liebe Lina.

Ich richte die Kamera auf das Podium, öffne die Blende, verkleinere die ISO-Zahl damit die Fotos optimal belichtet sind. Der Raum füllt sich langsam mit Menschen und in mir steigt die Spannung: Spannung darauf zu sehen, zu welchen Erkenntnissen dieser Abend, den wir in unserer Hochschulgruppe seit Monaten geplant haben, führt.

Wir haben uns auf die Suche nach Referenten gemacht, haben durch einen glücklichen Zufall Barbara auf einer Fahrt von Berlin nach Bielefeld kennengelernt und konnten sie für das Projekt gewinnen, haben den Raum reserviert, die Münsteraner Kneipen mit Postern tapeziert und uns selbst über das Thema informiert: Nachhaltigkeit in Supply Chain Management.

Ein sperriger Ausdruck, der wie eine Zwiebel von Schicht zu Schicht mehr das gerechtigkeitsliebende Herz reizt und offenbart, wie vielschichtig das Problem von Sklaverei in Lieferketten ist.

Genau das ist es, womit sich unsere Hochschulgruppe „International Justice Mission (IJM) Campus Münster“ beschäftigt: dem Leid der über 40 Millionen Menschen, die heutzutage noch in Sklaverei leben. Dabei bedeutet Sklaverei mehr als nur prekäre Arbeitsbedingungen. Bezugnehmend auf das Zusatzprotokoll der UN Palermo-Konvention verstehen wir darunter die Ausbeutung einer Person gegen ihren Willen durch eine andere Person mit Hilfe verschiedener Mittel, wie zum Beispiel Androhung von Gewalt, Täuschung und Betrug oder Missbrauch. International Justice Mission operiert in betroffenen Gebieten, ermittelt und befreit gemeinsam mit den regionalen Behörden Menschen aus diesem Leid. IJM begleitet die Betroffenen im Rahmen eines Nachsorgeprogramms auf dem Heilungsprozess und treibt die Strafverfolgung voran, indem den Betroffenen Anwälte zur Seite gestellt werden. Denn was die Sklavenhalter antreibt ist die Wirtschaftlichkeit dieses Handels und das geringe Risiko für ihr Handeln belangt zu werden ­– und das obwohl Sklaverei offiziell in allen Ländern der Welt verboten ist.

Neben Barbara sitzen Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender von IJM Deutschland und Georg Hoffmann, Nachhaltigkeitsmanager von Ritter Sport auf dem Podium. Ritter Sport verwendet seit 2018 nur noch 100% fairtrade zertifizierten Kakao für ihre Schokolade. Ein mutiger Schritt, der einerseits intensive Recherche bezüglich der Herkunft verwendeter Rohstoffe erfordert, das Unternehmen vor allem aber viel Geld kostet. Erfährt man davon, dass Kinder an der Elfenbeinküste im Kakaoanbau versklavt werden, ist es keine sichere Methode einfach auf die Nachbarstaaten zurückzugreifen. Die Rohstoffe werden von Hand zu Hand gereicht und ihre Herkunft dadurch verschleiert. Deshalb bezieht Ritter Sport den Kakao inzwischen zu 64% direkt von Bauern ohne Zwischenschritte. So betreibt Ritter Sport beispielsweise die weltgrößte zusammenhängende Kakaoplantage in Nicaragua – die Arbeiter sind erhalten neben einer Bezahlung über dem lokalen Mindestlohn auch Zugang zu Weiterbildungsangeboten.

Der Grund, warum Barbara so gut in die Runde passt, liegt auf der Hand: Emerald ist ein großartiges Beispiel für ein Unternehmen, dessen größtes Ziel das Vorantreiben von Gerechtigkeit ist. Primär natürlich durch das Bekanntmachen der Arbeit von NGOs, aber auch beim Blick in die eigene Produktion.

Barbara bringt breite Kenntnisse aus der Textilbranche mit. So erzählt sie zu Beginn, dass die Probleme direkt beim Saatgut, den Grundstoffen für Kleidung anfangen. Da es Kindern leichter fällt als Erwachsenen Baumwolle zu pflücken, findet in diesem Bereich eine systematische Ausbeutung von Kindern statt. „Es sollte überhaupt nicht zur Diskussion stehen, fair zu produzieren. Es sollte selbstverständlich sein“, sagt sie. Dem stimmt auch Dietmar Roller zu: „Stattdessen wird aber leider das Schweigen über dieses Thema als selbstverständlich angesehen, da Gewinnmaximierung als heiliger Gral der Zukunft verstanden wird.“

Wir diskutieren über die Problematik der Kleinschrittigkeit von Lieferketten. Während Georg Hoffmann der Meinung ist, man müsse sich „den Scheiß vor Ort angucken“, weil das niemanden kalt ließe, denkt Dietmar Roller, dass es seitens der Unternehmen eines Willens zur Wahrnehmung der ethischen Verantwortung bedarf. „Viele Verbraucher wissen gar nicht, dass Glimmer durch blutende Kinderhände angebaut wird. Die Unternehmer hingegen schon“, sagt er.

„Es muss langfristig ein neuer Markt geschaffen werden. Die Entscheidung für Nachhaltigkeit darf nicht mit Marktnachteilen einhergehen.“, sagt Barbara, weist aber zugleich darauf hin, dass es für finanziell gut aufgestellte Unternehmen weitaus einfacher ist, die Produktion vor Ort zu besuchen und jeden einzelnen Punkt in der Lieferkette zu überprüfen. Unternehmer müssten ermutigt werden kreativ in sozialen Bereichen auf neuen Wegen voranzuschreiten. Bezugnehmend darauf erzählt Georg Hoffmann von einer Aktion eines Penny Supermarktes: „Es wurden alle Produkte aus den Regalen geräumt, die es nicht mehr gäbe, wenn Insekten aussterben würde. Durch solche Aktionen kann man die Aufmerksamkeit der Bevölkerung gezielt auf Probleme lenken.“

Auf die Frage welche Standards angesichts der lauten Proteste aus der Wirtschaft bezüglich gesetzlicher Regulierung helfen könnten, wird schnell deutlich: Selbstregulierung allein reicht nicht. Während Georg Hoffmann sagt: „Wird ein Impuls gegeben, entwickelt sich dieser auch weiter“, plädieren Barbara und Dietmar Roller für die Vollregulierung durch gesetzliche Standards. „Das Textilbündnis ist gescheitert, quasi aussagelos und erst recht kein Siegel für Produkte, die man guten Gewissens kaufen kann.“, sagt Dietmar Roller. Barbara ergänzt: „Das zeigt, dass der politische Druck viel zu gering ist. Haftbarkeit würde ein ganz anderes Verhalten anregen.“ Ein Vergleich verdeutlicht die Wirkungskraft von Gesetzen und Sanktionierungen: Auch die meisten Radfahrer entscheiden sich mangels gesetzlicher Pflicht gegen das Tragen eines Helms, obwohl sie objektiv wissen, dass es sicherer wäre. Müssten sie jedes Mal 10€ zahlen, sähe das vielleicht anders aus.

Während Dietmar Roller in Block Chains und QR-Codes eine Möglichkeit sieht, Informationen zu verschlüsseln und Lieferketten dadurch transparenter zu machen, begutachtet Barbara diese neuen Technikmöglichkeiten nüchterner: „Auch solche technischen Möglichkeiten, sind manipulierbar. Gerade hinter einem Kleidungsstück stecken Rohstoffe aus vielen unterschiedlichen Feldern. Je komplexer das Produkt, desto undurchsichtiger wird es.“

Auch Siegel seien problematisch. „Heute wird alles Mögliche als nachhaltig bezeichnet. Ausgezeichnet wird Transparenz, manchmal noch vor tatsächlicher Nachhaltigkeit“, erklärt Barbara.

„Eine große Sportmarke hingegen, die in der Vergangenheit bereits den Stop Slavery Award der Thomson Reuters Foundation gewonnen hat, scheut sich davor mit dieser Auszeichnung zu werben. Sie fürchten ein Marketingdisaster, sollte irgendwann doch noch eine Schwäche in ihren Lieferketten aufgedeckt werden. Als Unternehmen kann man sich leider nie zu 100% sicher sein, ob die Produktion wirklich fair ist“, erzählt Dietmar Roller von einem zurückliegenden Gespräch. Insofern sei es aber sinnvoll zur Realität zu stehen und zuzugeben, wo man als Unternehmen noch Probleme hat.

Aber die Referenten geben auch Hoffnung. „Social Entrepreneurship, das beschreibt eine unternehmerische Tätigkeit, die sich langfristig für die Lösung sozialer Probleme einsetzt, ist derzeit einer der am meisten wachsenden Wirtschaftsbereiche“, erklärt Barbara.

Im Anschluss wird den knapp 100 Besuchern, darunter vor allem Studierende, die Möglichkeit geboten, sich zum Thema zu äußern. „Was können wir als Verbraucher und Konsumierende tun?“ Das ist die Frage, die vielen nach den Erzählungen über so viel Unrecht auf der Seele brennt. Die Antwort Georg Hoffmanns ist so einfach, wie einleuchtend: „Der Kunde ist König. Jede Kaufentscheidung bestimmt maßgeblich, welche Werte in der Branche als relevant wahrgenommen werden.“ „Ich persönlich kaufe mir inzwischen fast immer lieber ein teureres, aber fair produziertes Lieblingsteil, als drei billige Produkte. Nachhaltigkeit kann Spaß machen, wenn man die Dinge, die man hat, schätzen lernt“, schließt Barbara.

Und wir als International Justice Mission Campus Münster? Wir sind glücklich. Glücklich, selbst an diesem Abend viel neues gelernt zu haben. Glücklich, unserem selbst erkorenen Auftrag in Deutschland über das Thema der Sklaverei aufzuklären, nachgekommen zu sein. Glücklich zu sehen, dass wir unsere Leidenschaft für Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns, mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft – NGO, Modewelt und Lebensmittelproduktion – teilen.

An dieser Stelle nochmal ein herzlicher Dank an Barbara. Du hast den Biss und die Professionalität, die es braucht um sich im Wirtschaftsleben durchzusetzen und trägst gleichzeitig eine Wärme für deine Mitmenschen in dir, die ansteckend ist – wenn man deine wunderschöne Kleidung trägt aber auch, wenn man wie wir das Glück hat in einem Gespräch einen kleinen Einblick in deine kunterbunte Gedankenwelt zu bekommen.

Liebe Grüße

Lina

Unsere Facebookseite, auf der wir über zukünftige Veranstaltungen und aktuelle Errungenschaften im Kampf gegen Menschenhandel informieren, findet ihr hier: https://www.facebook.com/ijm.campusmuenster/


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