Juni 07, 2020 4 min. Lesezeit

Im Sanitary Pad Project nähen angehende Schneiderinnen einer Berufsschule in Uganda waschbare Binden für die ganze Schule. Warum das mehr als ein ziemlich cooles Zero-Waste-Projekt ist und was das mit Gleichberechtigung zu tun hat, lest ihr hier.

Wer in Deutschland eine Ausbildung macht, lernt das Handwerkszeug für einen Beruf. In einer Ausbildung in der Textilbranche beispielsweise lernst du Stoffe, Geräte und Schnitte kennen, entwirfst Prototypen für neue Teile, nähst nach Schnittmustern. Am Anfang klappt vielleicht mal etwas nicht so gut, ein Teil wird krumm und schief, aber nach und nach wird jedes Werkstück besser – und du ein bisschen stolzer auf dein Können. Genauso geht es den Schneiderei-Auszubildenden im Ausbildungszentrum BUYOPA-BVC in Bukedea im Osten von Uganda auch. Die Mädchen und jungen Frauen lernen ihr Handwerk von der Pike auf, üben Techniken und büffeln theoretische Grundlagen. Zugleich stellen sie als angehende Schneiderinnen aber etwas ganz Besonderes her, das vielen von ihnen die Ausbildung überhaupt erst möglich macht: waschbare Binden.

Klingt unglaublich, ist aber wahr: Etwa 86 Prozent der Mädchen und jungen Frauen in Uganda verpassen wegen ihrer Periode den Unterricht, und zwar etwa eine Woche im Monat. Und das nicht wegen Schmerzen oder Stimmungsschwankungen – vielmehr haben die meisten Frauen keinen Zugang zu Hygieneprodukten wie Tampons oder Binden, die sich in Uganda nur die reichsten Menschen leisten können. Auch eine Menstruationstasse kommt für die meisten nicht in Frage, weil die sanitären Gegebenheiten oft unzureichend sind, gerade an den Schulen. Deshalb sind die Schülerinnen gezwungen, während ihrer Periode zu Hause zu bleiben und verpassen dadurch Wichtiges im Unterricht.

Ein besonderes Stück Stoff

Eine gemeinnützige Organisation hat für und mit den Schülerinnen eine waschbare Binde entwickelt, die die Schneiderlehrlinge in Bukedea nun herstellen. Im Sanitary Pad Project lernen sie, wie sie die Binden professionell nähen, und stellen auch für die Auszubildenden der anderen Berufe genügend Binden her, dass niemand wegen der Periode einen Schultag verpassen muss. In Workshops lernen die Schülerinnen außerdem, wie die Binden verwendet und gereinigt werden. Nach der Benutzung werden die Stoffeinlagen in einem dazugehörigen Beutel verstaut, zu Hause werden sie dann gewaschen und getrocknet. Manche Mädchen können hier auch noch etwas Grundlagenkenntnisse über den Zyklus und den weiblichen Körper mitnehmen, denn viele werden von ihrer ersten Periode überrascht. Sie lernen, dass die Periode zwar vieles schwieriger macht, aber auch daran erinnert, was der weibliche Körper Unglaubliches vollbringen kann.

Bildung als Schlüssel

Ein Teil der Auszubildenden im Ausbildungszentrum BUYOPA-BVC wird über eine Bildungspatenschaft gefördert. Die Schule bietet verschiedene handwerkliche Ausbildungen an, neben Schneidern auch Tischler-, Maurer-, Frisör- und andere Ausbildungen. Sie richtet sich an junge Menschen, die aus besonders gefährdeten und armen Lebenssituationen kommen und für die eine Berufsausbildung mit Abschlusszeugnis eine echte Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben sein kann. Das gilt in Deutschland und anderen Industrienationen natürlich auch – in Uganda ist die Wirkung aber noch viel weitreichender.

Uganda ist eins der ärmsten Länder der Erde. Der Staat in Ostafrika, ein tropisches Hochland, ist etwas kleiner als Deutschland und hat schätzungsweise 45 Millionen Einwohner. Die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung sind von Armut betroffen. In der Bildung hat das Land in den vergangenen Jahren einiges erreicht, trotzdem können nur etwa drei Viertel der Erwachsenen lesen und schreiben. Der Anteil der Analphabeten unter Frauen liegt weit höher: im Jahr 2015 waren 64 Prozent der erwachsenen Frauen Analphabeten. Bei den Mädchen und jüngeren Frauen sinkt dieser Anteil, doch es ist noch viel zu tun. Gerade junge Menschen aus armen Familien brechen die Schule oft schon früh ab, manchmal noch vor dem Ende der Grundschule. Viele gehen auch später nie wieder zur Schule und bleiben arbeitslos. Bildung ist deshalb ein wichtiges Instrument im Kampf gegen Armut.

Viele junge Menschen in Uganda können sich allerdings gar keine Ausbildung leisten, die oft von privaten Schulen angeboten wird. Bukedea ist eine ländliche Region, und der überwiegende Teil der besonders armen Bevölkerung Ugandas lebt auf dem Land.

Etwas tun: Take action

Hinter dem Sanitary Pad Project steht TAKE ACTION Uganda und Glocal Lifelearn. Der gemeinnützige Verein hat zum Ziel, die Lebenssituation von Menschen durch nachhaltige Bildungsprojekte zu verbessern, die er durch Patenschaften und Spenden verwirklicht. Seit ihrer Gründung 2011 hat das junge Team aus Studierenden und Berufseinsteigern aus verschiedenen europäischen Ländern zum Beispiel eine Schule in Costa Rica mit Englischbüchern ausgestattet. In Uganda werden seit mehreren Jahren Kinder aus benachteiligten Familien durch Bildungspatenschaften unterstützt. Das TAKE ACTION-Projekt in Uganda läuft seit 2018: Im ersten Jahr hat der Verein zehn Schülerinnen und Schülern eine handwerkliche Berufsausbildung ermöglichen können, im vorigen und in diesem Jahr sind es jeweils 30, wie die TAKE ACTION-Uganda-Gründerinnen Charlotte und Theresa im Interview erzählen [https://emerald-berlin.com/de/blogs/news/der-kampfgeist-hat-mich-beeindruckt-interview-mit-den-grunderinnen-charlotte-theresa-von-take-action-uganda].

Ein gutes Auskommen – und Anerkennung

Für die Auszubildenden bedeuten die Ausbildung und ihr späterer Abschluss, dass sie wesentlich bessere Chancen haben, einmal ein stabiles Auskommen zu haben. Außerdem ist eine abgeschlossene Ausbildung auch mit Prestige verbunden, die Auszubilden erfahren gesellschaftliche Anerkennung – ein wichtiger Teil des Empowerments.

Dinah, eine der Auszubildenden, bringt es auf den Punkt: "Vocational skills training is a source of employment and self-reliance" – aus der Ausbildung entstehen berufliche Beschäftigung und Eigenständigkeit. Es ist durchaus denkbar, dass das Binden-Projekt für die eine oder andere der Auszubildenden auch Vorbild für ein Geschäftsmodell wird.

Binden für Gleichberechtigung

Von einer handwerklichen Berufsausbildung profitieren junge Frauen und Männer gleichermaßen. Mit dem Sanitary Pad Project wird die Ausbildung für die Mädchen und Frauen aber noch zu mehr – nämlich einem weiteren Schritt in Richtung Gleichstellung. Gerade in der Bildung haben Mädchen und Frauen in Uganda noch mit erheblicher Geschlechterungleichheit zu kämpfen. Deshalb sollte, um es mit der Forderung von Aktivistinnen und Aktivisten weltweit zu sagen, „the period“, wie der Punkt am Satzende im Englischen heißt, eben nur einen Satz beenden – und nicht die Schulzeit und Ausbildung von Mädchen und Frauen. Mit den waschbaren Binden aus dem Sanitary Pad Project haben es die Auszubildenden in Bukedea nun zumindest in dieser Hinsicht etwas leichter.

Die Autorin dieses Blog-Artikels ist Katharina Frier-Obad. Du möchtest ihr eine Rückmeldung geben oder hast eine Frage? Schreibe ihr gern hier einen Kommentar.


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