Oktober 23, 2020 6 min. Lesezeit

Kinder und Sport, schon wieder? Vielleicht hast du das Gefühl, dass du hier auf Emerald Berlin vor nicht allzu langer Zeit etwas Ähnliches gesehen hast. Und da hast du absolut recht! Erst im Mai gab es hier einen Beitrag über Kinder in Honduras, die über Sportangebote einen Zugang zu Bildung, Gesundheit und Gleichberechtigung bekommen. Ein toller und wichtiger Ansatz – und er hat uns so gut gefallen, dass wir jetzt ein zweites Programm vorstellen, das durch Sport und Spaß Wissen und Skills vermittelt: die Young Bafana Academy.

Beide Projekte haben gemeinsam, dass benachteiligte Kinder und Jugendliche über den Sport die Tools für ein selbstbestimmtes Leben bekommen. Sport mit seinen Regeln, den Prinzipien von Fairness und Teamgeist gibt den Kindern wichtige Grundlagen fürs Leben. Sie lernen, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, auch wenn etwas vielleicht erstmal nicht klappt. Dass sie etwas erreichen können, wenn sie dranbleiben, und dass sie sich aus eigener Kraft etwas erarbeiten können. Das macht auch nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit aus: dass etwas bleibt, auch wenn eine finanzielle Förderung irgendwann einmal ausläuft oder ein Projekt beendet ist. Bei dieser Art der Zusammenarbeit geht es niemals darum, Menschen Geld zu geben, weil sie so arm sind – sondern sie dauerhaft zur Selbsthilfe zu ermächtigen, Teilhabe zu schaffen und die Grundlagen für nachhaltige soziale Absicherung zu legen, die im besten Fall sogar über die unmittelbare Projektarbeit hinaus wirkt.

Fußball, der Sport der schwarzen Südafrikaner

Doch zurück zum Sport, genauer: zum Fußball, und nach Südafrika, das Land, das diesmal im Fokus steht. Viele Menschen hier begeistern sich für Sport, neben Fußball auch für Rugby und Cricket. Allerdings sind die Begeisterung und das Interesse für verschiedene Sportarten geteilt. Fußball beispielsweise hat eine lange Tradition in Südafrika, allerdings ist er traditionell der Sport der Schwarzen, während die Weißen eher Rugby oder Cricket spielen.

Die Ursachen liegen vor allem in der langen Geschichte der Rassentrennung in Südafrika. Sie begann mit der Kolonialherrschaft durch europäische Siedler seit dem 17. Jahrhundert. Mit dem Begriff „Apartheid“ wird die systematische Rassentrennung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung Südafrikas Schwarze waren, lagen Wirtschaft, Finanzwesen und die politische Macht in der Hand der privilegierten weißen Minderheit. Das autoritäre Regime stürzte erst in den frühen 1990er Jahren. Nelson Mandela war der bekannteste schwarze Kämpfer gegen die Apartheid. Der Rechtsanwalt wurde 1990 nach 27 Jahren in Haft freigelassen, 1994 wurde er der erste schwarze Präsident Südafrikas.

Ein wenig änderte sich die Unterteilung der Sportarten seit dem Ende der Apartheid. Für viele Kinder aus den Townships, den ärmeren und von Schwarzen bewohnten Vierteln, ist die Mitgliedschaft in einem Fußballverein nach wie vor unerschwinglich – und einfach irgendwo draußen mit Freunden zu kicken, ist in Südafrika vielerorts zu gefährlich. Die Verbrechensrate ist hoch.

Ein besonderes Ereignis für den Fußball in Südafrika war die Fußball-Weltmeisterschaft 2010, die erste Fußball-WM, die auf dem afrikanischen Kontinent stattfand. Wer sich für Fußball interessiert, erinnert sich vermutlich an die Vuvuzelas. Die ohrenbetäubenden Blasinstrumente sind das Symbol für den südafrikanischen Fußball. Die WM führte zu einem Fußball-Boom vor Ort. Für viele Kinder – schwarze wie weiße – wurde Fußball der Sport der Wahl.

So wie für Bernd Steinhage. Der gebürtige Südafrikaner, Sohn eines Deutschen und einer Namibianerin, kehrte im WM-Jahr nach sechs Jahren im Ausland gerade in seine Heimat zurück. 2004 war er mit 18 Jahren ins Ausland gegangen, hatte in Deutschland, Spanien und Nicaragua gelebt, war als Profi-Fußballer und Sozialhelfer aktiv gewesen und hatte in Berlin BWL studiert. Zurück in Südafrika beschloss er, irgendwas mit Fußball und Kindern zu machen. Sein Anliegen: Interessierte und begabte Kinder, egal welcher sozialen Herkunft oder Hautfarbe, sollten eine Anlaufstelle haben, wo sie in einem geschützten Umfeld unter professioneller Anleitung trainieren können und von all dem profitieren, was Fußball ausmacht: Teamgeist, Fairness, Zusammenhalt. Und er wollte sicherstellen, dass sie neben dem Fußball auch eine solide Schulbildung bekommen.

Bildungschancen für alle Kinder

Das ist gerade für schwarze Kinder in Südafrika nicht selbstverständlich. In den Jahren der Apartheid war der Rassismus des Regimes auch an dem nach Hautfarben getrennten Erziehungssystem sichtbar. Weiße Kinder bekamen eine qualitativ hochwertigere Ausbildung als schwarze. Erst seit 1994 sind die staatlichen Schulen für alle Kinder geöffnet, die allgemeine Schulpflicht und ein einheitliches Erziehungssystem wurden eingeführt.

Doch viele Schulen sind schlecht ausgestattet – auch personell. Jeder fünfte Südafrikaner zwischen 15 und 49 Jahren ist mit HIV infiziert, weshalb es oft schlicht an Personal in den Schulen fehlt. Mehr Lehrerinnen und Lehrer bräuchte es aber dringend, um zum Beispiel die Schlüsselkompetenz Englisch zu vermitteln. Englischkenntnisse sind in Südafrika besonders wichtig, weil es elf offizielle Sprachen im Land gibt. Und spezielle Förderung wie zum Beispiel für junge Fußball-Talente findet meist an Privatschulen statt – unerschwinglich für fast alle aus den Townships.

In solchen Armutsvierteln leben in der Region rund um Kapstadt etwa drei Millionen Menschen. Das Leben ist hier häufig von Armut und Arbeitslosigkeit geprägt, neben HIV sind auch andere Krankheiten und die mangelhafte Gesundheitsversorgung große Probleme. Fast die Hälfte der Erwachsenen ist nicht erwerbstätig und erhält auch keine staatliche Unterstützung. Drogenmissbrauch und Kriminalität sind die Folgen in dieser oft hoffnungslosen Situation.

Young Bafana: Fußball plus Schulbildung

Ganz in der Nähe gründete Bernd Steinhage die Young Bafana Academy, eine gemeinnützige Organisation, die Kindern und Jugendlichen ein umfassendes Fußball- und Bildungsangebot ermöglicht. An der Academy spielen benachteiligte schwarze Kinder aus den Townships in der Nähe zusammen mit weißen Kindern aus reicheren Vierteln. Die Kinder aus den Townships erhalten Stipendien, die auch mit Spendengeldern finanziert werden. Ein Stipendium umfasst die komplette Ausrüstung, der An- und Abtransport der Spieler aus dem Township, Lebensmittelpakete sowie die Teilnahme am Trainings- und Spielbetrieb und weitere Events, die Soft Skills fördern. Die Trainingseinheiten der Leistungsteams U12, U14 und U18 finden drei- bis viermal in der Woche statt; außerdem verpflichtet sich jeder Spieler am Bildungsprogramm der Academy teilzunehmen. Im Gründungsjahr startete die Young Bafana Academy mit einer Handvoll Kindern. Heute, zehn Jahre später, gibt es sechs Mannschaften mit 160 Spielern im Alter von sechs bis 18 Jahren.

Außerdem bietet die Academy zweimal in der Woche bezahlte Trainings- und Spieleinheiten für weitere Spieler zwischen fünf und 14 Jahren an, die nach der Schule trainieren. Die meisten von ihnen kommen aus den bessergestellten Vierteln. Regelmäßig nehmen die Schulteams und die Leistungsteams gemeinsam an Events teil. Auch hier gelten die Regeln des Fußballs: Respekt, Fairplay, Disziplin – für alle.

Für die Kinder und Jugendlichen steht der Fußball im Mittelpunkt. Die meisten träumen davon, entdeckt zu werden und als Profifußballer Karriere zu machen. Doch die Academy verbindet Sport grundsätzlich mit Bildung – wer hier Fußball spielen will, muss auch die Schulbank drücken, auf dem Stundenplan stehen vor allem Englisch und Mathe. Erklärtes Ziel der Academy ist es, den Teufelskreis der Armut durch Sport und Bildung zu durchbrechen. Denn mit der Aufnahme an die Schule werden die Kinder von der Straße geholt, sie sehen vielleicht erstmals eine Perspektive für sich und erfahren gezielte Förderung – als Sportler, aber auch als Persönlichkeiten mit einer Perspektive fürs Leben. Die persönliche Entwicklung und ein erfolgreicher Schulabschluss stehen an der Academy im Vordergrund, Fußball kommt erst an zweiter Stelle. Damit wird er zum Vehikel, transportiert Bildung und wichtige Kompetenzen quasi durch die Hintertür.

Talentschmiede Young Bafana

Einer von ihnen ist Asanda „Zuka“ Dyani aus dem Lwandle Township. Zuka kam mit 12 zu einem Probetraining von Young Bafana – zu Fuß und ohne Schuhe. Er wurde Teil der ersten Young Bafana-Leistungsmannschaft und spielte später für die U23-Mannschaft des legendären Vereins Kaizer Chiefs aus Johannisburg. Beim Zweitligisten Ubuntu Cape Town FC unterschrieb er 2018 seinen ersten Profivertrag und spielt mittlerweile beim Verein Free State Stars, wo sein Vertrag noch bis 2021 läuft. Erfolgsgeschichten wie die von Zuka, der sich mit viel Disziplin eine Profikarriere erarbeitet hat, macht die Young Bafana Academy stolz. Für die Kinder aus Lwandle ist Zuka Held und Vorbild gleichermaßen, als einer, der es geschafft hat. Ein ausführliches Porträt über Zuka gibt es hier.

Die integrative Kraft des Fußballs

Übrigens: Bafana Bafana ist der inoffizielle Name der südafrikanischen Nationalelf. Das Wort aus der Xhosa-Sprache bedeutet so viel wie „die Jungs“ – Young Bafana sind also die kleinen Jungs. Doch auch wenn durch das Projekt überwiegend Jungen gefördert werden, ist es grundsätzlich offen für alle Kinder – unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und sozialer Herkunft. Deshalb steht die Academy mit ihren ganz bewusst gemischten und multikulturellen Teams auch für gelebte Integration. Und wenn Kinder miteinander Fußball spielen, kommen am Spielfeldrand auch ihre Familien zum kulturellen Austausch zusammen, selbst wenn sie aus noch so unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen kommen. Auch das kann Fußball mühelos.

Die Autorin dieses Blog-Artikels ist Katharina Frier-Obad. Du möchtest ihr eine Rückmeldung geben oder hast eine Frage? Schreibe ihr gern hier einen Kommentar.

 

 


Schreiben Sie einen Kommentar

Kommentare werden vor der Veröffentlichung genehmigt.


Vollständigen Artikel anzeigen

Emerald Berlin in conversation with Jan Moeller
Emerald Berlin im Gespräch mit Jan Moeller

Oktober 30, 2020 4 min. Lesezeit

EMERALD Berlin in conversation with Caro Kotke and Stephanie Diederichsen
EMERALD Berlin in Konversation mit Caro Kotke und Stephanie Diederichsen

September 09, 2020 4 min. Lesezeit

How can I donate hair? Hair donation – a piece of me for you
Wie kann ich Haare spenden? Haarspende – ein Stück von mir für dich

September 04, 2020 6 min. Lesezeit