Juni 10, 2020 4 min. Lesezeit

Liebe Astrid, eins deiner Themen ist Womanhood. Ein schönes Wort. Erzähl mal, was es für dich bedeutet.


Wortwörtlich übersetzt ist damit ja Weiblichkeit gemeint. Doch für mich verbirgt sich so viel mehr hinter diesen Begriff. Zum Beispiel die Idee, im Frausein das eigene Zuhause zu empfinden. Sich wohlzufühlen. Sich für sein Geschlecht nicht zu schämen. Sich aus Rollenbildern und Klischees zu befreien. Und das passt ja dann doch irgendwie wieder zum Wort selbst. „Be a woman. Be your hood.“ 


Weitergedacht ist diese Einstellung für mich jedoch nicht an die Weiblichkeit, das Frausein, bzw. ein Geschlecht gebunden. Doch da ich als Frau per se einen Zugang dazu habe und mich das Thema direkt angeht, wollte ich mich auch mit diesem beschäftigen. Ganz dem Motto: Schreib worüber du etwas weißt, schreib über deine Erfahrungen. Doch wer weiß, vielleicht ändere ich das Schlagwort demnächst in „Humanhood“ um. Wäre doch gar keine so schlechte Idee oder?

Irgendwie denken ja nicht alle Menschen so. Gab es einen besonderen Moment in deinem Leben, an dem du dachtest: Das Thema ist so wichtig, dazu muss ich jetzt aber mal was sagen?

Meine Mutter hat schon früh zu mir gesagt: Astrid, du bist eine Idealistin. Damals hab ich sie ganz entgeistert angeschaut, denn bis zu dem Punkt habe ich mich selbst gar nicht so gesehen. Heute kann ich sagen: Ja sie hat recht. Ich hab ein starkes Empfinden dafür, was gerecht und was ungerecht ist. Stets unter der Prämisse der Nächstenliebe und der Offenheit gegenüber der Andersartigkeit des Anderen. 

All die Themen, die beim Wort „Womanhood“ für mich mitschwingen wie: Weiblichkeit und Sexismus, Weiblichkeit und Schamgefühl, Kategorisierung der Frau in Rollenklischees, Selbstliebe und -akzeptanz, das Frausein und den eigenen Körper verstehen und akzeptieren, und viele mehr - sind für mich peu à peu immer wichtiger geworden. Und irgendwann hab ich den Mut gefasst, meine Gedanken zu den Themen auch mit anderen zu teilen. Nicht in Dauerschleife und -beschallung, sondern immer mal wieder in ‚intensiven Dosen‘. Und immer aus meiner Sicht heraus und aus der Idee heraus, hier und da etwas von ‚meiner Womanhood‘ Preis zu geben.

Aus deinem Interesse entstand die Idee für dein Engagement für TAKE ACTION Uganda und das Sanitary Pad Project. Hier nähen Auszubildende in ihrer Berufsschule in Uganda waschbare Binden. Was macht das Projekt für dich so besonders?

Was kann es für mich nicht besonders machen? Es zielt auf Periodenaufklärung ab (ein Thema das aus meinen Augen viel zu stiefmütterlich in den letzten Jahr behandelt wurde), es zeigt die Ungleichheit aufgrund von Periode und dem Zugang zu Hygieneartikeln in unserer Gesellschaft auf, es legt alte Stigmata und Rollen der Frau frei (bspw. Frauen sind wärend ihrer Periode dreckig und unrein). Und das vielleicht Wichtigste ist: Das Projekt will in meinen Augen Periode mit einem Gefühl von Selbstbewusstsein konnotieren! Das finde ich klasse und absolut notwendig.


Selbst in Ländern, in denen es ausreichend Hygieneprodukte und gute Sanitäreinrichtungen gibt, ist das Thema Periode immer noch mit Scham besetzt. Kannst du dir erklären, warum das so ist? Immerhin haben wir 2020 und für einen riesigen Teil der Menschen ist die Monatsblutung doch etwas ganz Alltägliches. 


Das ungleiche Paar „Periode und Scham“ sind historisch tief miteinander verwurzelt. Hier spielt die Vorherrschaft des Patriacharts, die daraus resultierende Rolle der Frau, und der Sexismus meines Erachtens eine ganz große Rolle. Ein über Jahrhunderte manifestiertes Schamgefühl überkommt eine Gesellschaft nicht von heute auf morgen. Da ist es ganz egal, wie alltäglich die Monatsblutungauch sein mag. Das braucht Zeit, guten Willen, den Diskurs und Aufklärung, mit dem Ziel Einsicht und Verständnis zu gewinnen. 


Was können wir alle im Alltag gegen dieses Stigma tun?

Mehr darüber reden. Sich mehr darüber informieren. Egal welchem Geschlecht man angehört. Verstehen, woher dieses Stigma kommt. Verstehen, was es im Alltag auslöst. 


Für menstruierender Menschen mein Rat: Hört in euch hinein. Empfindet ihr ein Perioden-Schamgefühl? Habt ihr das Empfinden, euch für eure Periode und deren Begleiterscheinen rechtfertigen zu müssen? Lasst diese Empfindungen los und ersetzt sie mit Perioden-Selbstbewusstsein.

Was ist deine Botschaft an ganz junge Frauen und Mädchen, die zum ersten Mal ihre Tage bekommen?

Witzig, darüber habe ich mal einen Artikel für „The Female Company“ verfasst. (https://www.thefemalecompany.c... ) Damals wurde ich gefragt, wie ich meine zukünftige Tochter auf ihre Periode vorbereiten würde. „Ob ich die erste Periode meiner Tochter mit ihr zelebrieren werde? (Red Velvet Cheesecake fällt mir da spontan ein.) Vermutlich nicht. Viel eher werde ich ihr beibringen, gerade in dieser besonderen Zeit noch stärker auf ihren Körper zu hören. Achtsamkeit und Aufklärung anstelle von Ahnungslosigkeit und Apathie! Ein Motto, dass wir uns alle – egal in welchem Alter – zu Herzen nehmen sollten!“ 


Was würde ich also jungen Frauen und Mädchen sagen, die ihre Tage zum ersten mal bekommen? Sei achtsam, hör in dich hinein und informiere dich. Nicht nur über das, was in deinem Körper vorgeht, sondern auch über die Perioden-Stigmen in unserer Gesellschaft. Stigmen und Vorurteile, die sich vor langer Zeit aus Angst und dem Gefühl des Bedrängt- und Bedrohtseins einiger anderer heraus geformt, und stetig weiterentwickelt haben. Wenn du das erkennst, fällt es dir leichter, sie als solche zu enttarnen und dazu beizutragen, sie zu entkräften.


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