September 20, 2019 6 min. Lesezeit

Der Begriff Entwicklungshilfe kommt aus den frühen 60ern. Damals nahm man an, dass Landwirtschaft alles verändern würde. Man nahm auch an, dass es ausreichen würde die Menschen zu versorgen, um soziales Ungleichgewicht auszugleichen. Heute, viele Jahre später, weiß man, dass das nicht der Heilige Gral war.

Aber warum eigentlich nicht? Wenn alle genug zu essen haben ist doch schon viel geschafft!?

Das stimmt. Aber die Entwicklungshilfe hat lange mit einem Prinzip gearbeitet das hieß: Eine Lösung für alle und oft regionale Umstände außer Acht gelassen.

Gehen wir also nochmal zurück zur Landwirtschaft. Was kann daran schlecht sein?

Landwirtschaft benötigt Platz. Viel Platz. Dafür werden oft große Gebiete in landwirtschaftlich nutzbare Flächen umgewandelt. Sprich, sie werden gerodet, entwässert, bewässert oder ähnliches.

Dadurch verändert sich die Umgebung, die Erde und Umwelteinflüsse können teilweise viel größeren Schaden zufügen. Gleichzeitig erhöht es die Abhängigkeit der Menschen von der Landwirtschaft.

Ihr könnt euch das also in etwa so vorstellen, als würdet ihr am Strand sitzen und das Wasser wird immer wieder von ein paar Steinen aufgehalten, bevor es euch erreicht. Nun wollt ihr aber eine Sandburg bauen und die soll einen Graben haben. Der Graben braucht natürlich Wasser. Ihr nehmt also die Steine weg, um dem Wasser den Weg in den Graben zu ebnen. Das geht eine ganze Weile gut. Bis auf einmal eine große Welle kommt und nichts von eurer Burg übriglässt. Ihr fangt also an eine neue Burg zu bauen, größer, schöner, besser. Und kurz bevor ihr das Fähnchen auf den Turm stecken könnt, kommt die nächste Welle und alles ist wieder weg. Nun gibt es aber Menschen, die bauen an dieser Stelle schon seit Jahren Burgen. Schöne Burgen. Vielleicht etwas kleiner. Aber trotzdem schön. Aber sie dürfen nicht an den Strand, weil der Strand ja von euch belegt ist. Sie rufen euch von hinten zu, wie sie es machen würden. Aber ihr hört erst mal weg. Sandburgen habt ihr immerhin schon dutzende Male gebaut. Nachdem eure Burg das zweite Mal komplett zerstört wurde fragt ihr euch, was man vielleicht noch von den Menschen, die da rufen, lernen könnte. Und die erzählen euch, dass ihr die Wellen an dieser Stelle am besten schon im Meer brechen lasst, da die heftigen Wellen hier immer wieder kommen. Ihr nehmt also die Steine von vorhin und legt sie statt direkt an den Strand, wo sie kein Wasser zu eurem Graben durchlassen, ein Stück weiter ins Wasser. Die Wellen brechen. Das Wasser kommt danach ruhig bei euch an. Burg gerettet. Klingt banal? Ist es in der Realität natürlich nicht immer. Aber manchmal ist es deutlich einfacher, als man vielleicht denkt.

Über die Jahre hat also ein Umdenken stattgefunden. Man wollte etwas verändern. Und zwar nachhaltig und nicht nur kurzfristig.

Man entschied sich also den Begriff Entwicklungshilfe durch Entwicklungszusammenarbeit abzulösen. Aber was ist jetzt genau der Unterschied? Und was ist dann eigentlich Nothilfe? Ich möchte euch das gerne nochmal an einem sehr gut nachvollziehbaren, aber sehr vereinfachtem Beispiel erläutern.

Stellt euch ein weinendes Baby vor. Die Menschen drum herum sind etwas überfordert. Sie riechen an der Windel und können nichts feststellen. Sie wiegen das Baby, aber es hört nicht auf zu weinen. Ganz im Gegenteil. Es schreit immer lauter. Irgendwann betritt die Mutter das Zimmer, nimmt ihr Baby hoch und füttert es. In diesem Moment stillt sie den unmittelbaren Hunger des Babys. Man würde das als Nothilfe bezeichnen.

Das Baby wird größer und die Mutter umsorgt das Kind. Sie kocht für es, wäscht die Wäsche, geht einkaufen. Sie übernimmt alle Aufgaben für ihr Kind. Liebevoll und gerne. Auch mit 40 wohnt ihr Kind noch zu Hause. Wo soll es auch hin? Es hat ja nie gelernt selbst zu kochen, Wäsche zu waschen oder den Müll rauszubringen. Es sucht also nach einem Partner, der die Aufgaben der Mutter übernimmt. Manche haben Glück und sie finden diesen Partner und andere verlassen das Elternhaus auch weiterhin nicht. Das nennt man Entwicklungshilfe.

Irgendwann werden die Eltern ungeduldig. Sie fragen sich, was sie wohl falsch gemacht haben. Sie haben doch alles immer mit ganz viel Lebe und Zuneigung getan. Das war der Punkt an dem sie darüber nachdenken wie es wohl gewesen wäre, ihr Kind zur Selbstständigkeit zu erziehen.

Die Eltern haben ihr erstes Kind sehr früh bekommen und durch einen glücklichen Zufall wird die Frau erneut schwanger und sie bekommen ein zweites Kind. Diesmal entscheiden sie sich, gewisse Dinge anders zu machen. Die Mutter stillt das Baby, wenn es Hunger hat. Sie geben ihm Essen, Kleidung und umsorgen es. Doch statt einfach nur einen Teller hinzustellen, binden die Eltern das Kind von Anfang an in die Zubereitung des Essens mit ein. Sie zeigen ihm alles, was sie je gelernt haben und das Kind sammelt Erfahrungen. Bald schon fängt das Kind an nicht nur sein eigenes Essen zubereiten zu wollen, sondern kocht auch für die Eltern. Mit Spaß und Liebe zum Detail. Es ist neugierig und sammelt überall wo es hinkommt Informationen und Erfahrungen, die es bald deutlich besser werden lassen als die eigenen Eltern. Das Kind steht auf eigenen Beinen. Es ist in der Lage ein eigenes Leben zu leben und zieht schon früh aus dem Elternhaus aus. Und das nennt man Entwicklungszusammenarbeit.

Entwicklungszusammenarbeit hat immer den Anspruch Menschen zu etwas zu bevollmächtigen. Sie stark und eigenständig zu machen.

Aber warum haben wir dann immer noch so viele Projekte, in denen z.B. nach wie vor einfach nur Brunnen gebaut werden? Wie oben bereits kurz beschrieben war das größte Problem der Entwicklungshilfe, dass sie zu allgemein gehalten war. One size fits all. Und genauso ist es auch bei den Brunnen. Es gibt Regionen auf dieser Welt, in denen Brunnen dringend erforderlich sind um überhaupt etwas zu verbessern. Teilweise müssen Menschen in manchen Regionen der Welt heute noch viele Kilometer laufen, um an Wasser zu kommen. Teilweise nicht einmal sauberes Wasser. Hier kann es von Vorteil sein, durch Grundwasserbohrungen Abhilfe zu schaffen und einen Brunnen zu bauen, der dieses lange Laufen verkürzt. Das ist jedoch nicht immer der Fall. In manchen Regionen ist der tägliche Gang zum Brunnen auch die einzige Zeit am Tag, in der vor allem die Frauen Zeit haben, sich mit anderen auszutauschen, gemeinsam Zeit zu verbringen und das Haus zu verlassen. Sie empfinden den neuen Brunnen deshalb nicht unbedingt als die bessere Lösung. Sie lehnen ihn vielleicht sogar ab. Vielleicht ist also der Brunnen für diese Region gar nicht die beste Möglichkeit den Menschen zu helfen. Vielleicht wäre ein anderes Projekt, zum Beispiel eines, welches den Frauen ermöglicht auch sonst etwas Zeit gemeinsam verbringen zu können, das bessere Projekt. Wenn dann im Anschluss ein Brunnen gebaut werden würde, der viel Arbeit und Last im Tragen des Wassers abnimmt, dann wäre der Brunnen ein tatsächlicher Gewinn für das Dorf. Ihr seht, es kommt immer sehr auf die individuellen Umstände an.

Genauso ist es auch mit Projekten, die mit Prinzipien wie ‚get one give one‘ arbeiten. Manche davon verändern viel für die Menschen vor Ort. Andere geben nur einem Teil der Bevölkerung etwas. Ein anderer leidet. Stellt euch zum Beispiel vor, es gibt einen lokalen Schuhmacher. Bisher hat er die Schuhe für die Dorfbewohner gemacht. Er ist auf Grund seiner Ausstattung langsam, er ist teuer und Schuhe dadurch kaum erschwinglich. Viele Kinder haben deshalb keine Schuhe. Nun kommt jemand der sagt: „Oh nein. Die Kinder haben keine Schuhe. Wir haben Schuhe. Bitte nehmt unsere Schuhe.“ Die Kinder freuen sich. Immerhin haben sie endlich Schuhe. Schöne Schuhe. Der Schuhmacher muss jedoch sein Geschäft schließen. Er hat keine Kunden mehr. Er kann sein Handwerk nicht weitergeben. Niemand im Dorf weiß noch, wie man Schuhe macht. Er gibt sein Wissen nicht weiter. Warum auch? Schuhe machen würde niemanden mehr ernähren. Das Handwerk stirbt aus. Entscheidet sich also der Schuhhersteller, keine weiteren Schuhe mehr liefern zu wollen oder zu können, haben die Menschen nicht nur keine Schuhe mehr, sondern auch keine Möglichkeit eigene zu produzieren.

Würde der Schuhhersteller jedoch sagen: Kauf ein Paar und wir investieren in eine gute Ausbildung für junge Schuster. Die Schuster würden lernen, wie sie kostengünstig Schuhe herstellen könnten. Sie würden das Handwerk lernen und ihr Wissen weitergeben. Sie würden vielleicht sogar ihr eigenes Unternehmen gründen und dadurch mehr Menschen die Möglichkeit geben, einen Job zu finden. Ihr Projekt wäre also nachhaltig eine wirkliche Bereicherung für die Region. Auch für die Kinder ohne Schuhe. Einziger Nachteil? Sie erziehen ihre Konkurrenten. Und wer will das schon?!

Ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Einblick geben. Es ist immer extrem wichtig, die einzelnen Aktionen in Relation zu sehen und zu verstehen, ob sie wirklich nachhaltig etwas am Leben der Personen verändern, kurzfristig in Krisensituationen unterstützen oder vielleicht sogar mehr schaden als Gutes zu tun. Jede Aktion muss für sich beurteilt werden. Es gibt nicht immer nur das eine Richtig und das eine Falsch. Aber es gibt natürlich besser und schlechter.

Für uns ist es von besonderer Wichtigkeit, dass die Projekte die wir unterstützen das Leben der Menschen, Tiere und Umwelt nachhaltig verbessern. Sie sollen bevollmächtigen, statt nur kurzfristig zu helfen und niemandem schaden. Alle Projekte findet ihr in der Projektübersicht in unserem Shop.


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