März 15, 2020 6 min. Lesezeit

Der Verein Glocal LifeLearn e.V. hat mit seinem TAKE ACTION-Programm in Uganda jungen Menschen neue Perspektiven gezeigt und ihr Leben radikal verändert. Aufstieg durch Bildung, Erfolg durch selbstständige Arbeit, Empowerment durch Anerkennung: die Geschichten, die die Gründer*innen von Ihrer Arbeit mit lokalen Initiativen erzählen können, haben uns bei EMERALD BERLIN unglaublich inspiriert. 

 

EMERALD BERLIN: Seit dem Jahr 2018 ist der Verein Glocal Lifelearn mit dem TAKE ACTION-Projekt in Uganda aktiv. Was hat euer Team dazu bewogen, gerade hier zu helfen und ein solches Bildungsprogramm für junge Erwachsene aufzubauen?

Charlotte: 2017 reiste ich für die Datenerhebung meiner Masterarbeit nach Bukedea, Uganda. Hier lernte ich Solomon kennen, der Leiter des Ausbildungszentrums BUYOPA-BVC ist. Ich durfte einige der Auszubildenden in den verschiedenen Ausbildungsberufen für meine Studie über Zukunftsperspektiven interviewen. Dabei hat mich besonders der Kampfgeist
und die Motivation der Jugendlichen beeindruckt, die sehr viel auf sich nahmen, um ihre Ausbildung zu absolvieren.

Die Schulgebühren bei BUYOPA-BVC sind sehr gering, weil das Ziel
ist, dass gerade junge Menschen aus schwierigen Lebensverhältnissen eine Chance auf eine Ausbildung erhalten. Viele Jugendliche können sich die Ausbildung dort aber trotzdem nicht leisten.

Zurück in Köln erzählte ich Theresa von der Situation vor Ort und wir waren uns beide sofort einig, dass wir etwas tun wollen. So war der Grundstein für TAKE ACTION gelegt.

 

EMERALD BERLIN: Wie viele Mitglieder Eures Teams und wie viele Menschen vor Ort sind an der Realisierung des Projektes beteiligt?


Theresa: Das Team TAKE ACTION besteht aus drei Personen, wir beide als Gründerinnen und Julia, die uns mit wunderbarer Kreativleistung unterstützt. Unsere Materialien für die Öffentlichkeitsarbeit haben wir alle ihr zu verdanken. Aber auch aus dem Verein Glocal Lifelearn erhalten wir jederzeit Unterstützung.


EMERALD BERLIN: Wie entsteht bzw. entstand der Kontakt eures Vereins zu lokalen Betrieben und Strukturen vor Ort und wie schwierig ist es, die Arbeit über große Distanzen zu koordinieren?

Charlotte: Solomon und ich kennen uns ja gut. Tatsächlich ist es überhaupt kein Problem. Wir kommunizieren viel auf kurzen Dienstweg über WhatsApp. Das ist super unkompliziert. Wir bekommen schnell Feedback. Auf unser Partner-Ausbildungszentrum bin ich im Rahmen meiner Datenerhebung für meine Masterarbeit gestoßen. Ich war total beeindruckt, was die Lehrer*innen und Mitarbeiter*innen dort leisten und was für einen Impact eine handwerkliche Berufsausbildung für die jungen Erwachsenen in Uganda hat. Sie erhalten
dadurch die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und eine bessere Zukunft.


EMERALD BERLIN: Existieren in Uganda eigentlich auch staatlich geförderte Hilfs- und Bildungsprojekte mit ähnlichem Anspruch?


Charlotte: Ja, es gibt auch staatlich Ausbildungszentren. Tatsächlich sind aber etwa 80% der Ausbildungszentren in Uganda in privater Hand. Diese werden oft auch von staatlicher Seite gefördert. Gerade wenn sie in ländlichen, schwer zugänglichen Regionen liegen können sie Fördergelder erhalten. Die meisten privaten Schulen sind allerdings sehr teuer. BUYOPA-BVC ist zwar eine private Schule, allerdings staatlich anerkannt und nicht profitorientiert.


EMERALD BERLIN: Wie sind die Erfolge seit dem Start des Projektes? Welche Rückmeldung bekommt Ihr Team aus der Schule vor Ort und von den unterstützten Jungen und Mädchen?

Theresa: Der Erfolg hat uns sehr berührt. Im ersten Jahr haben wir 10 Schüler*innen eine Ausbildung ermöglichen können, im nächsten schon 30 und auch in diesem Jahr finanzieren wir 30 Schülerinnen und Schülern eine handwerkliche Berufsausbildung. Im Februar startet das neue Schuljahr bei BUYOPA-BVC. Die Patenschülerinnen und Patenschüler schätzen die Möglichkeit, die sie durch eine Patenschaft erhalten sehr und sind sehr motiviert. Es bedeutet für sie die Chance heraus aus der Armut herein in eine selbstbestimmte Zukunft.

Eine unserer Patenschülerinnen hat es auf den Punkt gebracht: Sie sagte: „Eine Handwerkliche Berufsausbildung ist eine Quelle für Arbeit und damit für Eigenständigkeit.“ Wir haben eine sehr große Anzahl an Bewerbungen für eine Patenschaft. Der Bedarf ist groß, denn die Schulgebühren sind für den Großteil der Schülerinnen und Schüler nicht bezahlbar.

Bukedea ist eine ländliche Region Ugandas. Und über 95% der von Armut betroffenen Bevölkerung Ugandas lebt auf dem Land. Wir haben uns aber vorerst die Grenze gesetzt, dass wir im Jahr nicht mehr als 30 Ausbildungen finanzieren, um keine Abhängigkeit des Ausbildungszentrums von unseren Patenschaften entstehen zu lassen.


EMERALD BERLIN: Wie sind die Erfolge der Projekte in Uganda aus Ihrer Sicht bislang? LIfeline Uganda existiert seit 2011 – wie viele Kinder haben durch die bereits eine Bildungsförderung erhalten?


EMERALD BERLIN: Lifeline konnte bisher 62 Schülerinnen und Schüler fördern und ihre Schulgebühren finanzieren. Im letzten Jahr ist ein weiteres großes Projekt LifeCare gestartet. Der Verein Glocal Lifelearn hat sich erfolgreich um die Förderung der W.P. Schmitz Stiftung beworben und unterstützt damit den Bau eines Ausbildungszentrums für Krankenpfleger*innen und Hebammen in
Bukedea. Das Ausbildungszentrum wird jungen Erwachsenen eine Berufsperspektive geben und die medizinische Versorgung der Region verbessern.


EMERALD BERLIN: Verfolgt Ihr die Entwicklung der unterstützten Menschen auch langfristig? Was könnt Ihr dazu sagen, welchen Effekt euer Leuchtturmprojekt langfristig auf die Strukturen, Familien und Gemeinden vor Ort hat?

Theresa: Wir monitoren den Ausbildungsverlauf und die Auswirkungen der Ausbildung auf den weiteren Werdegang der Schüler*innen sowie den Impact auf die Region. Abgeschlossene Berufsausbildungen haben eine sehr positive Wirkung auf die Schüler und die Region. Unsere ersten Patenschüler*innen starten erst in diesem Jahr in ihr Berufsleben und wir sind schon sehr gespannt zu sehen, welche Wege sie einschlagen. Aber bereits während der Ausbildung haben uns unsere Partner von positiven Auswirkungen berichtet. Die Auszubildenden haben nicht nur Fähigkeiten erworben, sondern auch ein größeres Selbstwertgefühl. Ihre Familien sind stolz auf sie und in der Gesellschaft gewinnen sie an Anerkennung. Auch die Schule profitiert von der Zusammenarbeit. Durch die Patenschaften haben sie zumindest ein gewisses stabiles Einkommen, wodurch Lehrer*innen ein sicheres Gehalt bekommen. Auch ein neues Schulgebäude konnte dadurch zum Teil finanziert werden.

BUYOPA-BVC schafft damit Arbeitsplätze in der Region und trägt positiv zur
Wirtschaftsentwicklung bei. Die Berufsausbildungen geben den jungen Erwachsenen einen Ausweg aus der Armut und die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Zusätzlich wirkt sich dies positiv auf die Wirtschaft aus. Die Arbeitslosigkeit wird reduziert. Die jungen Menschen verdienen Geld und kurbeln dadurch die Wirtschaft an. Teilweise machen sich die ehemaligen Schülerinnen und Schüler selbstständig und werden zu Arbeitgebern und schaffen so zusätzlich Arbeitsplätze in der ländlichen Region.

EMERALD BERLIN: Wie ist es eigentlich möglich, dass eine 15-monatige Ausbildung schon für 130€ zu haben ist?


Charlotte: In Deutschland wäre das sicherlich nicht möglich. Uganda gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die wirtschaftliche Situation in dem Land ist prekär, es gibt wenig Perspektiven und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Für unsere Schülerinnen und Schüler sind 130€ natürlich alles andere als wenig Geld. BUYOPA-BVC versucht die Schulgebühren so gering wie möglich zu halten und dabei trotzdem eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Außerdem
beziehen sich die 130€ wirklich nur auf die Schulgebühren. Unsere Patenschüler*innen tragen auch finanziell etwas zu ihrer Ausbildung bei, indem sie die anfallenden Materialkosten übernehmen. Diese sind nicht in die 130€ eingerechnet.

EMERALD BERLIN: Gab es persönliche, bewegende Momente die Euch und Eurem Team gezeigt haben, wie sehr sich die Arbeit lohnt?

Theresa: Durch die Patenschaften bieten wir dem Ausbildungszentrum eine sichere Einnahmequelle und somit Planbarkeit und Sicherheit. Die hat mit dazu beigetragen, dass das Ausbildungszentrum umziehen und eine neue, größere Schule mit besseren Voraussetzungen für die Schülerinnen und Schüler bauen kann. Wir haben uns riesig gefreut und es hat uns sehr bewegt. Am meisten berühren uns aber die persönlichen Geschichten unserer Patenschüler*innen, die einfach unglaublich stark und motivierend sind.


EMERALD BERLIN: Hat euer Team in den letzten Jahren das Gefühl, dass sich das Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung für Schwellenländer entwickelt und z.B. mehr Menschen spenden bzw. Paten werden? Wie ist da die Entwicklung?


Charlotte: Bildung spielt in der Entwicklungszusammenarbeit eine wichtige Rolle, beispielsweise ist Bildung eines der wichtigsten Instrumente zur Armutsbekämpfung. Bildung für alle ist sogar eines der Nachhaltigkeitsziele die sich die Vereinten Nationen bis 2030 gesetzt haben. Und wir sind auf einem guten Weg dieses Ziel zu erreichen. Bildung und vor allem auch Berufsbildung werden weiterhin, gerade in Bezug auf aktuelle globale Trends und
Themen eine wichtige Rolle spielen. Konkret meine ich damit beispielsweise die Themen Klimawandel, Grüne Energien und grüne Wirtschaft, Flucht und Migration, wirtschaftliche Entwicklung, um nur ein paar zu nennen.


Ich glaube, dass viele Menschen die Wichtigkeit von Bildung darin sehen, dass sie jungen Menschen Perspektiven für eine selbstbestimmte Zukunft gibt. Ich glaube aber auch, dass das nicht der primäre Grund ist warum Menschen Geld spenden oder eine Patenschaft übernehmen. Aus unserer Erfahrung mit Patinnen und Paten von TAKE ACTION haben wir vor allem gelernt, dass den Menschen Transparenz und ein enger Kontakt zwischen den Partnern wichtig ist. So erhalten sie ein besseres Gefühl dafür, was sie mit ihrer Spende eigentlich
bewirken.


EMERALD BERLIN: Was würde sich euer Team ganz besonders wünschen für 2020?


Theresa: Wir sind im letzten Jahr mit unserem Projekt „Pro Period“ gestartet. Wir haben festgestellt, dass die Schülerinnen größere Fehlzeiten haben im Unterricht aufgrund ihrer Periode. Denn Hygiene-Produkte sind in Uganda sehr teuer und die Sanitären Gegebenheiten an Schulen sind eine Herausforderung. Wir finden Jungen und Mädchen sollten den selben Zugang und die selben Voraussetzungen zur Bildung haben. Aus diesem Grund haben wir das
Projekt am Ausbildungszentrum gestartet. Die Schülerinnen und Schüler der Schneider-Ausbildung stellen wiederverwendbare Binden aus Stoff her, die jede Schülerin am BVC kostenlos erhält. So haben die Mädchen die Möglichkeit, während ihrer Periode den Unterricht zu besuchen. Unser Wunsch ist es, dass unsere Schüler*innen daraus vielleicht ein Geschäftsmodell entwickeln können und die Binden über die Schule hinaus verkaufen können.

 

EMERALD BERLIN:Danke Euch für das Gespräch und ganz viel Glück und Erfolg für Eure Projekte und für die Zukunft! Toll, dass es Euch gibt!


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