September 20, 2019 6 min. Lesezeit

Wir werden alle geboren, um zu sterben. Warum fällt es uns also so schwer, mit diesem Thema umzugehen?

Der Gedanke an den Tod ist etwas, das uns wie ein schwarzer Schleier umgibt und das wir loswerden wollen, sobald er auftaucht. Aber warum ist das so? Warum lässt uns etwas so unwohl fühlen, das unmittelbar mit unserem Sein verbunden ist?

Als Kind habe ich mir den Tod als eine andere Welt vorgestellt. Immer, wenn ich Angst hatte, habe ich die Augen geschlossen und mir einfach gedacht, dass es sicher keinen wirklichen Unterschied macht, ob ich nun in dieser oder einer anderen Welt lebe. Wie ein Paralleluniversum. Mit den gleichen Menschen. Eventuell aber zu einer anderen Zeit.
Und so komisch das vielleicht auch klingen mag – irgendwie hat mich das beruhigt.

Mit dem Sterben war das schon anders.
Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich mich einmal, um länger wach bleiben zu können, in das Wohnzimmer meiner Großeltern geschlichen und unbeabsichtigt einen Film mitangeschaut habe, bei dem ein Mann ein junges Mädchen in den Wald gelockt und dort ermordet hat – die restlichen Details erspare ich euch an dieser Stelle gerne. Im Anschluss wollte ich nicht mehr alleine in den Keller gehen und durch dunkle Räume oder Flure bin ich nur noch mit angehaltener Luft gelaufen.
Vielleicht ist es nicht unbedingt der Tod vor dem wir Angst haben und der uns unwohl fühlen lässt, sondern der ungewisse Weg dahin. Das Sterben also.

Wir werden dazu erzogen immer die Kontrolle über alles haben zu können. Dazu, dass wir die Autoren unserer eigenen Geschichte sind und wir unser Schicksal selbst in der Hand haben.
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie wir irgendwann mal sterben könnten. Und in den wenigsten Fällen haben wir tatsächlich Einfluss darauf. Das Sterben nimmt uns jede Kontrolle. Und die meisten von uns können mit Kontrollverlust nur schwer umgehen – lässt er uns doch hilflos zurück.
Aber sind wir wirklich so hilflos, wie wir es uns aus der Ferne vorstellen? Geben wir wirklich jede Kontrolle ab, während wir auf dem Weg zum Tod sind?
Ich glaube die Antwort liegt in unserer persönlichen Definition von „sterben“.

Sterben beschreibt den Übergang zwischen Leben und Tod.
Für mich war sterben bislang jedoch weit mehr als nur eine Brücke.

Etwas, dass ich nur sehr schwer in Worte fassen kann. Sterben beschreibt für mich den Moment, in dem meine Seele meinen Körper verlässt und Ungewisses tut. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Keine Ahnung. Nehmen wir eine neue Lebensform an? Wer weiß.
Ob es die Seele wirklich gibt, ist für die Wissenschaft unsicher bis unrealistisch. Trotzdem würden ¾ aller Menschen sagen, dass sie über eine Seele oder etwas Vergleichbares verfügen. Laut den Ergebnissen eines Arztes aus den USA (Duncan MacDougall) wiegt die Seele genau 21 Gramm. Und irgendwie finde ich diesen Gedanken schön. Was immer diese 21 Gramm nach meinem Tod auch tun werden.

Sterben ist für mich aber weit mehr als dieser kurze Moment des Übergangs. Und ich denke genau hier liegt der Grund meiner Unsicherheit darüber. Meiner Angst.
Denke ich an Sterben, denke ich oft auch an Schmerzen. Unbekannte Schmerzen. An Krankheit, aber vor allem auch an Abschied und Trauer. Und ich mag keine Abschiede.
Aber wie kann man einen besseren Umgang mit einem Thema finden, welches diese Gefühle in einem hervorruft?

Wenn mir ein Thema fremd ist und ich mehr darüber erfahren möchte, beginne ich meine Suche meistens online. Irgendwie fühlt es sich jedoch komisch an, das Wort „Tod“ in eine Suchmaschine einzugeben. „Der gute Umgang mit dem Tod“ – so heißt das Magazin, welches ich mir stattdessen gekauft habe.
Ich muss zugeben, ich habe das Magazin fast 4 Wochen lang mit mir herumgetragen, ehe ich es das erste Mal aufgeblättert habe. Ich habe erwartet, dass mich das Thema, wie sonst auch, direkt zum Weinen bringen würde und ich wollte mich in der richtigen Stimmung befinden, um mich damit auseinanderzusetzen. Umso überraschter war ich darüber, dass ich nach dem ersten gelesenen Artikel gelächelt und nicht geweint habe.
Der Tod ist etwas, das uns tagtäglich begleitet. Wir sehen ihn jeden Tag und nehmen ihn doch oft nicht wahr. Wir unterscheiden deutlich zwischen unserer menschlichen Welt und der Welt, die uns umgibt. Wir stigmatisieren den Tod, da er uns Menschen nimmt, die wir lieben und die wir uns an unserer Seite wünschen. Dabei sehen wir oft nicht, dass der Tod auch viel Positives beinhaltet. Er macht Platz für Neues. Er gibt uns die Möglichkeit, uns unserem täglichen Leben bewusster zu sein und er sorgt dafür, dass wir bewusster über unser Handeln nachdenken. Zumindest hin und wieder.

Natürlich ist es in Zeiten von Trauer oder dem Gedanken an den eigenen Tod leichter gesagt als getan, positiv zu bleiben.
Ich, für mich, habe jedoch entschieden, dass ich von nun an Tod, Sterben und Todesursache klarer voneinander trennen möchte.
Für mich beschreibt der Tod einen Zustand, den mir niemand je erklären kann. Jegliche Spekulation ist also zwecklos. Sterben hingegen beschreiben viele Menschen mit Nahtoterfahrung oder als „ins Licht gehen“. Andere wiederum sagen, sie können sich an nichts erinnern. Vielleicht liegt es daran, wie nah man dem Tod tatsächlich war. Vielleicht auch an der eigenen Wahrnehmungskraft. Von Schmerzen, die unmittelbar mit diesem Prozess in Verbindung stehen, spricht jedoch nie jemand. Ich kann für mich also sagen, dass es wohl keinen Grund gibt, sich vor diesem Moment zu fürchten.
Damit kommen wir zur Todesursache. Der wohl, für die meisten, unsichersten Komponente in diesem Trio.

Selbst wenn wir sterbenskrank sind, können wir einen Tag vor unserem vermeintlichen Tod durch Krankheit von einem Auto überfahren werden. War dann unsere ganze Furcht vor dieser einen Todesursache unbegründet? Ich glaube diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.
Unsere Ängste sind Fiktionen. Und sich dies bewusst zu machen, ist für mich vielleicht der einzige Weg, dem Tod näher zu kommen und gleichzeitig weiter von ihm weg zu sein als je zuvor. Sich bewusst zu machen, dass der Kontrollverlust ein unumgänglicher Teil davon ist, macht es für mich leichter ihn zu akzeptieren. Und gleichzeitig lässt mich diese Erkenntnis begreifen, dass ich vielleicht keinen Einfluss auf meinen Tod, mein Sterben und meine Todesursache habe – jedoch darauf, wie ich mein Leben lebe. Und damit meine ich auch die Zeiten, in denen ich vielleicht traurig oder krank bin und mich dem Tod jeden Tag ein Stückchen mehr nähere.

Oft überspringe ich die Einleitungstexte in Magazinen. In diesem Fall muss ich jedoch sagen, dass er wohl die wichtigste Erkenntnis des ganzen Magazins für mich transportiert hat. Vielleicht geht es im Leben nicht darum, alles zu machen, was wir theoretisch machen könnten. Aber es geht darum, nichts zu bereuen, wenn das Leben ein Ende findet. Egal wann dieses Ende ist. Eine Krankenschwester aus Australien fragte 8 Jahre lang ihre Patienten vor ihrem Tod nach den 5 Punkten, die sie in ihrem Leben am meisten bereuen. Sich diese Punkte nochmal mehr bewusst zu machen und sich bei Entscheidungen vor Augen zu halten, führt aus meiner Sicht ganz automatisch zu einer bewussteren Lebenseinstellung.

  1. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, weniger nach den Bedürfnissen anderer zu leben.
  2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle stärker auszudrücken.
  4. Ich wünschte, ich hätte mich besser um meine Freunde gekümmert.
  5. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, das Leben mehr zu genießen.

Eigentlich wollte ich diesen Artikel mit einem Zitat beenden, welches mir besonders im Kopf geblieben ist.„Wer den Tod nicht fürchtet der liebt das Leben nicht richtig“- Harald Martenstein. Ich glaube aber, nachdem ich mich viel mit diesem Thema beschäftigt habe, dass das nicht die einzige Wahrheit ist. Ich habe für mich entschieden, keine Angst vor dem Tod zu haben. Und nicht, weil ich das Leben nicht liebe. Ganz im Gegenteil. Ich fürchte mich nicht, weil ich nicht weiß, vor was ich mich fürchten soll. Ich lebe im hier und jetzt. Und das ist heute und nicht morgen. Und im hier und jetzt kann ich alles dafür tun, morgen nichts bereuen zu müssen. Mit Sicherheit wird mir das nicht jeden Tag gelingen. Vielleicht aber am Tag danach. Denn auch, wenn der Tod jede Sekunde eintreten kann, bringt es nichts, ihn zu erwarten. Da wären wir dann wohl wieder bei der ungewissen Zukunft. Und wie langweilig wäre das Leben, wenn wir jetzt schon wüssten, was uns erwartet?!


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